Die zwei Töchter der Sitar-Legende
Norah Jones’ und
Anoushkas Vater ist Ravi Shankar
Neu Delhi. Anoushka Shankar formuliert
vorsichtig. Sie sagt nicht: „Delhi ist mein Zuhause“, sondern: „Im Moment ist
Delhi einer der ganz wenigen Orte, wo ich das Gefühl von einem normalen Leben
habe.“ Jeder in Delhi kennt Anoushka (21) längst nicht mehr nur als Tochter der
Sitar-Legende Ravi Shankar (83). Anoushka ist selbst ein Star, als klassische
Musikerin und als Covergirl auf Illustrierten.
Die Hälfte des Jahres lebt sie mit ihren Eltern in Delhi. „Hier habe ich
Zeit, jung zu sein, Freunde zu haben, auf Partys zu gehen. Hier lade ich mich
auf.“
In Delhi – das Regierungsviertel Neu Delhi ist nur ein Stadtteil – leben 13
Millionen Menschen. Hinzu kommen noch einige Millionen in den Vorstädten.
Berlin, Hamburg, München und Köln zusammengenommen und dann noch verdoppelt
reichen nicht an Delhi heran. Den Leuten wird trotzdem selten bewusst, in
welchem Moloch sie leben. „Delhi ist in viele Nester aufgeteilt. Es ist leicht,
in einer Gegend zu bleiben und alles zu haben, was du brauchst“, sagt Anoushka
Shankar.
Es sind die Gegensätze, die Delhi ausmachen. „Wenn ich Besuch aus dem Ausland
habe, fällt mir das alles wieder auf, das Schöne wie das Traurige.“ Am Abend
tritt sie mal wieder im „Siri Fort Auditorium“ auf, dem größten Konzertsaal der
Stadt. Auf dem Weg dorthin kommen an manchen Kreuzungen Bettler an die Autos.
Mütter mit Babys, Leprakranke mit offenen Wunden, Gelähmte auf Rollbrettern.
Das Konzert ist wieder ein großer Erfolg. Anoushka spielt zum ersten Mal ihre
neue Sitar. Sie hat das Instrument in einem Traditionsgeschäft in Delhi bauen
lassen, in dem ihr Vater Stammkunde ist und in dem einst auch die Beatles
einkauften. Ajay Sharma, der das Geschäft führt, spielt bei dem Konzert die
Tanpura, ein anderes Saiteninstrument, das Anoushka den Grundton liefert. Im
ersten Teil des Konzerts steht Anoushka im Mittelpunkt, im zweiten kommt ihr
Vater hinzu.
Anoushka wurde 1981 geboren. Ihre Eltern waren noch mit anderen Partnern
verheiratet. Als Kind kannte sie Ravi Shankar, hing an ihm, wusste aber nicht,
dass er ihr Vater war. In seiner Autobiografie „Raga Mala“ bekennt er, er habe
Angst vor dem Skandal gehabt. „Heute frage ich mich, wie ich zwei oder drei
Frauen zur selben Zeit lieben konnte“, schreibt Shankar. Auch aus einer anderen
Beziehung dieser Zeit hat er ein Kind, seine zweite, inzwischen weltberühmte
Tochter, die US-Sängerin Norah Jones (23). In diesem Jahr waren beide Frauen für
Grammys nominiert.
Die Debüt-CD von Jones bekam acht Grammys, Anoushka ging leer aus. Sie habe sich
darauf konzentriert, sich über die Nominierung in der Kategorie World Music zu
freuen, sagt sie. Norah Jones erwähnt öffentlich nicht, wer ihr Vater ist, und
Ravi Shankar sagt, ihr Erfolg sei nicht sein Verdienst.
Das Verhältnis von Anoushka und Ravi Shankar dagegen ist denkbar eng. Sie ist
seine Meisterschülerin, sie treten zusammen auf, sie spricht voll Liebe und
Respekt über ihn. Anoushka ist die einzige Sitar-Künstlerin, die von Anfang an
bei ihm lernte. In der indischen Musik bedeutet das viel. Studenten lernen die
Musik wie Kinder das Sprechen lernen.
Ihre ersten Kindheitsjahre verbrachte Anoushka in London. Seit ihr Vater sie und
ihre Mutter zu sich holte, lebt die Familie im Sommer in den USA und im Winter
in Delhi. „London kenne ich und fühle mich da wohl“, sagt Anoushka, „aber es
fühlt sich nicht mehr wie ein Zuhause an. Die USA haben sich nie so angefühlt,
auch wenn ich das Leben dort genieße. Delhi dagegen hatte immer diese
Anziehungskraft.“
Aber aus den Kramläden sind Boutiquen mit Klimaanlage geworden, internationale
Marken prangen an den Schaufenstern. Eine Burger- und eine Tex-Mex-Kette aus den
USA haben Restaurants eröffnet, ein Hotel bietet Delikatessen in einem mit
Marmor ausgelegten Geschäft an. Und dann ist da das „Senso“, unten Bar und oben
italienisches Restaurant, das Dekor ganz in Weiß und Stahl gehalten. Das ist
Anoushkas Lieblingsbar, in die sie geht, wenn ihr nach einer großen Sause ist.
Die Preise gleichen denen einer Kneipe in Deutschland. „Verrückt teuer“, sagt
Anoushka. Ihre Freunde zählen zur oberen Mittelschicht, der Bevölkerungsgruppe,
die von der wirtschaftlichen Öffnung Indiens seit 1991 profitiert. Die ärmsten
sind arm geblieben, aber vielleicht zehn Prozent der eine Milliarde Inder können
sich einen Lebensstil leisten wie in Europa. Die jungen Leute aus dieser Schicht
sind gut ausgebildet, weit gereist, westlich orientiert.
Außer den Gegensätzen zählt der rasante Wandel zu den wesentlichen
Charakterzügen Delhis. Importierte Autos verdrängen alte indische Marken von den
Straßen, Banken stellen Automaten auf. „Ich habe keine Ahnung, wie die Stadt in
zwei Jahren aussehen wird“, sagt Anoushka.
Dabei hat sie den Wandel selbst mit eingeleitet, oder zumindest verkörpert sie
ihn. „Ich weiß, ich war ganz am Anfang dabei“, sagt sie. Mit 14 Jahren war sie
schon berühmt, weil sie mit ihrem Vater auftrat. Und weil sie anders war. „Ich
hatte einen amerikanischen Akzent, trug nicht nur indische Kleider und gab mir
keine Mühe, nicht aufzufallen. Ich sagte auch nicht nur, was alle hören
wollten.“
Manche rümpften die Nase, für andere war sie Pionierin. Heute fühlt sie sich
überrollt. „Ich bin dafür, dass Indien modern wird, aber die Leute verändern
sich auf Kosten dessen, was sie haben.“ Bei sich selbst spürt Anoushka einen
Gegenreflex. „Es verändert mich in die umgekehrte Richtung.“ Sie kleidet sich
heute gerne auch indisch. Und sie liebt den „Ambassador“, in dem ihr Fahrer sie
chauffiert.
Ravi Shankar hat ein Musikzentrum in Delhi aufgebaut, in dem die Studenten leben
und lernen wie früher. Dort wohnt auch Anoushka, aber sie bezweifelt, dass sie
je sesshaft wird. „Ich bin immer entwurzelt worden“, sagt sie, ohne sich zu
beklagen. „Im Ernst, ich fühle mich mit all dem zu Hause, was ich tue. Ich werde
immer eine Musikerin auf Tournee sein. Ich möchte, dass Delhi mein
hauptsächliches Zuhause ist. Aber ehrlich gesagt sehe ich mich nirgends zu
hundert Prozent leben.“
Jürgen Hein (dpa)



